Historisch 

bedeutende Gebäude 

in Ramsen

Moskau und Petersburg bei Ramsen

Im Jahr 1822 erbaute der als »Stabhalter« bezeichnete Ramsener Peter Neidhart ein Haus an die Kreuzung der Landstrasse von Hemishofen nach Rielasingen und der Nebenstrasse von Ramsen nach Wiesholz. Das wurde die Keimzelle des späteren Ortsteils Petersburg (Haus Nr. 53/55). 

Was Peter Neidhart zum Bau des Hauses veranlasste, ist nicht überliefert. Denkbar wäre, dass er die Öffentlichkeit der vielfrequentierten Landstrasse suchte, um dort ein Ladengeschäft, ein Gasthaus, eine Strassenstation oder ähnliches zu betreiben. Wahrscheinlicher ist aber, dass es sich um einen landwirtschaftlichen Hof handelte, auch wenn das Haus nicht dem im Hegau üblichen Typus mit Wohn- und Ökonomieteil unter einem Dach entspricht.

Peter Neidharts Haus, »die Petersburg«, stand 30 Jahre einsam an der Landstrassenkreuzung. 


Erst 1852 erbaute der Ramsener Clemens Gnädinger ein weiteres Haus an der Strasse, aber weiter nördlich nahe der Landesgrenze — die Keimzelle des späteren Ortsteils Moskau (Haus Nr. 58).  Genannt wurde Gnädingers wohl ebenfalls landwirtschaftlich genutztes Haus schon bald »Moskau« seit wann genau, ist nicht überliefert. 

Es liegt nahe, als unmittelbares Vorbild für »Moskau« den Namen »Petersburg« des Nachbarhauses anzunehmen. Frei nach dem Motto »Was der kann, kann ich auch«, mag Clemens Gnädinger mit demselben Augenzwinkern einen ebenso masslos übertriebenen Namen für sein Haus gesucht haben wie sein Nachbar Neidhart. Da es keine entsprechende Ableitung aus seinem Namen gab, mag er recht schnell auf den Namen der zweiten russischen Metropole gekommen sein. Ebenso ist möglich, dass wiederum »der Volksmund« diesem zweiten Haus an der Landstrass den Scherznamen »verpasst« hat. 

Eigenartigerweise heisst es in Ramsen nicht »in Moskau«, sondern »in der Moskau«, wie schon »in der Petersburg«. Also brauchen auch für »Moskau« nicht die armen russischen Soldaten von 1799 bemüht werden. Vielmehr ist hier noch berechtigter die Frage zu stellen, warum ein Hausbesitzer 1852 mit seinem Hausnamen schlimmer, mittlerweile bereits über 50 Jahre zurückliegender Kriegsereignisse gedenken sollte, an die es so gut wie keine direkte Erinnerung mehr gab — und an die sich auch niemand wirklich erinnern wollte. 

Gross Veränderungen brachte der Bau der Bahnlinie von Etzwilen nach Singen 1874/75. Die neue Bahnlinie verlief weitgehend parallel zur Landstrass. Bei Ramsen lagen Strasse und Bahntrasse besonders nah nebeneinander, so dass dazwischen nur eine Häuserzeile Platz hatte. Das Bahnhofsgebäude von Ramsen wurde genau dort erbaut, wo die Nebenstrasse von Ramsen her auf die Landstrasse traf, also an der alten Kreuzung in Petersburg, schräg gegenüber von Peter Neidharts Haus. Die Strasse von Ramsen sollte also direkt auf den kleinen Bahnhof zu führen. Die Abzweigung nach Wiesholz musste deshalb einige Meter nach Norden verlegt werden. 


Die Neidhart sind eines der elf alteingesessenen Geschlechter in Ramsen und schon 1483 in Wiesholz und 1489 auf dem Oberbühlhof auf dem Schienerberg genannt. Ein Peter Neidhart, geb. 21.8.1791, gest. 3.1.1859, ist in Ramsen nachgewiesen – er könnte der besagte Bauherr gewesen sein. Auch die Gnädinger sind eines der elf alteingesessenen Geschlechter in Ramsen und schon 1572 in den Ort zugezogen. 


Quellen: Heimatbuch Ramsen, herausgegeben zur 1150-Jahr-Feier der Gemeinde Ramsen 1996.

Hegau Jahrbuch 68/2011, herausgegeben vom Hegau-Geschichtsverein e.V., Singen